2026.07.01 / 54. Prozesstag / Antifa-Ost-Komplex
Verhandlungsttag Nr 54, 01.07.2026, Beginn 10:25h
Der Prozesstag beginnt mit einer Stellungnahme der Verteidigung eines Angeklagten bezüglich der Befragung von drei polnischen Zeugen: die Zeugen selbst wollen nicht anreisen, sondern die Befragung audiovisuell durchführen, es fehlt außerdem ein Gerichtsbeschluss für die Anordnung der Vernehmung. Die Verteidigungen von zwei weiteren Angeklagten schließen sich der Stellungnahme an. Dies wurde zu Kenntniss genommen aber nicht weiter kommentiert.
Es folgt die Vernehmung von Sabine Brinkmann, 47 Jahre alt, wohnhaft in Melning und Krankenschwester. Laut ihrer Aussage befand sie sich mit ihrem Partner Robert Fischer seit dem 10.02.2023 im Urlaub in Budapest. Da haben sie sich wohl auch mal verlaufen, worüber sie ausführlich berichtet. Am 11.02.2023 besuchten sie ein Konzert, welches „gegen 11, halb 12“ vorbei war. Danach berichtet sie von einer „Auseinandersetzung“ vor ihrem AirBnb. Diese habe „nicht lang gedauert“, so ein „paar Minuten“. Sie habe eine weibliche Kommandostimme gehört und Pfeffer ins Gesicht bekommen.
Ab hier beginnt die Befragung des Richters, in deren Verlauf sie Folgendes erzählt:
Sie hätten wegen des Pfeffersprays nichts sehen, irgendwie aber dennoch den Code für das Apartment eingeben können, in welches sie flüchteten und von dort die Bullen riefen. Sie und Fischer wären nur zu zweit unterwegs gewesen und seien damals wie heute miteinander in einer Partnerschaft. Der Grund für ihren Aufenthalt in Budapest war der Gedenkmarsch am 12.02.2023 und Urlaub. Aufgrund der Auseinandersetzung konnten sie nicht mehr am Marsch teilnehmen. Sie sei vorher nicht bedroht worden und habe auch keine Ahnung gehabt, dass es Probleme geben könnte,
Fischer hatte bereits bei der Einreise Probleme, er wurde am Flughafen „herausgefischt“, angeblich wegen einer anderen Gruppe, die dann auch nicht fliegen durfte und der er optisch zugeordnet worden sei.
Auf dem Konzert sahen sie die Schweizerin Ewiger Sturm. Brinkmann selbst sei dort „normal“ gekleidet gewesen, Fischer habe eine Thor Steinar Jacke getragen, eventuell mit 44 hintendrauf hat sie laut überlegt. Sie berichtete, dass sie auf dem Konzert vor Antifas gewarnt worden seien und dass sie auf der Heimreise aufpassen sollen, da vor der Lokalität Besucher Antifas erkannt haben wollen.
Bezüglich der Auseinandersetzung kann sie weder Personen, Kleidung noch Gegenstände identifizieren oder räumliche Auskünfte geben. Sie schätzt, es seien 6-7 Angreifer gewesen, ist sich aber unsicher und sagt, sie habe den Angriff nur noch bruchstückhaft in Erinnerung. Eventuell habe die Frau gerufen „Go, go, go, stop, spray“. Fischer habe starke Kopfverletzungen erlitten, bei ihr habe man auf die Beine gezielt, daher schließt sie, dass der Angriff Fischer galt. Es seien überwiegend Schlagstöcke und Notfallhammer eingesetzt worden. Sie sei schon am nächsten Tag in Budapest verhört worden, während die Vernehmung von Fischer noch ein Tag später stattfand, da eine Pause benöntigt wurde .
Wegen Blutspuren mussten sie das Treppenhaus und den Hausflur reinigen. Wegen „familiärem Notfall“ habe sie schlussendlich den Aufenthalt in Budapest abgebrochen.
Heute leide sie an psychischen Folgen des Angriffs wie Angst und Bedrohungsgefühle. Fischer habe diesen schlechter weggesteckt und im Herbst 2023 seinen ersten Schlaganfall erlitten, seitdem es ihm noch schlechter gehe. Auch am heutigen Tag ginge es diesem nicht so gut, aber „seine Erinnerung ist gut“.
Später haben sie rausgefunden, dass die Schlaganfälle krankheitsbedingt sind und nicht Folge des Angriffs.
Es wird ein Video gezeigt, wie sie und Fischer in der Straßenbahn stehen.
Weiter wird Bildmaterial gesichtet. Sie selbst haben ihre (verarzteten) Verletzungen dokumentiert und den Eingang des Appartements, vor welchem vermutlich Blut erkennbar ist. Weiter Bilder von Fischer, der eine Jacke mit „angedeutetem“ Kreuz trägt. Es folgen Bilder eines Chatverlaufs zwischen ihr und Fischer, er schickt ihr Bilder von Waffen und Berichte über den Überfall. Ein Bild von Fischers Kopf mit deutlichen Verletzungen, genäht und blutig. Bilder von Häusern und Straßen, Brinkmann vermutet, dass es sich dabei um Bilder vom Tatort handelt. Ein Bild einer Gruppe von Männern vor einer Lokalität, einer davon eingekreist, Brinkmann vermutet dass es sich um ein Bild des Konzerts in der „Arena Corner Pub“, und bei der eingekreisten Person um Fischer handelt.
Es folgen Google-Maps-Bilder des Tatorts, Fotos des Hauseingangs und von blutigen Handabdrücken im Flur.
Eneut Befragung durch den Richter. Die Gruppe sei vor dem Angriff auf der anderen Straßenseite auf Höhe des Parks an den beiden vorbeigekommen.
Brinkmann beschreibt ihr Wunden und Verhärtungen noch mal genauer und wie lange sie dadurch Probleme gehabt habe. Sie ließ sich nicht krankschreiben und hatte Verhärtungen die sich langwierig zogen, jedoch mittels „pflanzlicher Resoprtionspräperate irgendwann weg waren“.
Weiter ging es mit der Befragung der Staatsanwältin. Brinkmann berichtet, die Angreifer seien mit erhobenen Schagstöcken auf sie zugerannt und kann nur Vermutungen über den Fluchtweg der Angreifer machen. Sie meint, diese hätten Anoraks und Schals getragen, auf Nachfrage bezeichnet sie sie als „vermummt“. Sie habe die Gesichter entsprechend nicht erkannt und könne diese nicht beschreiben.
Es folgt die Befragung der Verteidigung der Nebenklägerin. Die Vorfälle hätten Fischer doch mental fertig gemacht, es wurde danach gefragt ob Fischer sich in therapeutische Behandlung begeben hat. Brinkmann sagt, das habe ihn eingeschüchtert, dass beide jedoch danach Angst gehabt hätten. Herr Fischer habe sich gewünscht, „beim nächsten mal anders reagieren“ zu können, da sie nicht dazu imstande waren, sich zu wehren.
Die Verteidiger:innen beantragen eine Pause zur Besprechung. Es geht um 12:50 Uhr weiter mit der Befragung der Verteidigung.
Die Verteidigug beginnt mit Fragen zum Ablauf des Gesprächs mit den ungarischen Bullen. Die Erstkommunikation habe auf Englisch stattgefunden, die Vernehmung dann mit Dolmetscherin. Es mussten „einige“ Dokumente in ungarischer Sprache unterschrieben werden. Es ist unklar, ob entsprechende Dokumente eins zu eins die Vernehmung wiedergeben oder ob von den Bullen editiert/gekürzt wurde. Es ist möglich, dass auditiv mitgezeichnet wurde. Nach Empfinden von Frau Brinkmann war die Vernehmung „sehr ausführlich“, da sie lange gedauert habe, ähnlich wie in Deutschland.
Es folgen viele Detailfragen (zum Beispiel bezüglich der Kleidung der Angreifenden), die Brinkmann nicht oder nur sehr oberflächlich beantworten kann (die Kleidung sei schwarz gewesen).
Insgesamt wirkt Brinkmann sehr abgeklärt und tritt sehr sicher auf.
Kubista zeigt sich genervt von der detailreichen Vernehmung und meint, dass viele Fragen wiederholt würden. Das hat ihn bei der Befragung von Geilhorn noch nicht gestört..
Im Folgenden wird angezweifelt, ob es dieselbe Gruppe gewesen sei, die Brinkmann und Fischer in Höhe des Parks überholt hat, welche die beiden letztendlich auch angegriffen habe. Brinkmann verteidigt diese Annahme entschieden.
Um 13:20 Uhr unterbricht ein lauter Furz eines Bullen die kurze Stille im Gerichtssaal.
Es werden Fragen zu den unterschiedlichen Wahrnehmungen von Fischer und Brinkmann gestellt und ob diese sich darüber unterhalten haben: Brinkmann war sich sicher es handelte sich um Pfefferspray, Fischer beharrte jedoch auf Gel. Brinkmann sei sich durch verschiedene Symptome sicher, dass es sich um verschiedene Substanzen gehandelt hat.
Weiter wird der Bogen vom Tathergang zum Verhör in Deutschland gespannt. Brinkmann wird gefragt, ob sie Bilder über die Vorfälle in den Medien gesehen hat. Sie bejaht das zaghaft und versuchte es darauf allgemein zu halten, dass sie Bilder gesehen habe aber nicht mehr genau weiß wo. Auf Fragen dazu wie die Fotos von Brinkmann und Fischer zum BKA kamen (darunter Urlaubsfotos) sagte sie aus, dass sie über „eine gesicherte cloud, oder so“ die Bilder hochgeladen hat, auf Wunschs des BKAlers.
Sabine Brinkmanns Fassade fängt an zu bröckeln, als sie zu dem Konzert befragt wird. Erst nachdem sie auf ihre Aussagepflicht hingewiesen wird berichtet sie, dass es sich um ein nicht öffentliches Konzert gehandelt habe, welches von Blood & Honour organisiert wurde.
Sie sagt auf Nachfrage aus, dass Blood & Honour ihres Wissens in Deutschland verboten sei, in Ungarn jedoch nicht.
Es wird ein Bild von Fischers Handy gezeigt, er hört offenbar gerne die (Fascho-) Band Erschießungskommando. Brinkmann selbst sei kein Fan, es gehe sie aber auch nichts an. Bei den Fragen zu ihrer politischen Gesinnung und der ihres Partners wird Brinkmann sichtlich ungehalten, versucht sich jedoch abgeklärt zu geben. Sie kehrt erst nach den Fragen zur Tat zu ihrer sachlichen Art zurück.
Es gibt noch ein paar Detailfragen, dann ist die Vernehmung von Sabine Brinkmann beendet.
Weiter geht es mit Fischer als Zeuge. Robert Fischer, 47 Jahre alt, verheiratet (Scheidung im Gange), selbstständiger Feinmechaniker-Meister, wohnhaft in Melning. Während der Befragung spricht er sehr undeutlich und stottert und ist allgemein sehr schwer zu verstehen. Grund dafür sind wohl die Folgen seiner (vom Angriff unabhängigen) Krankheit und mehrerer Schlaganfälle.
Er sei auf einem Konzert gewesen und danach von hinten von 5-6 Leuten überfallen worden. Er habe die mutmaßlich angreifende Personengruppe das erste Mal vor der Straßenbahn wahrgenommen. Er sei beim Konzert von „Ewiger Sturm“ gewesen und dabei öfter Draußen Rauchen gewesen.
Er habe die angreifenden Personen vorher nicht auf sich zulaufen sehen, vermutet aber, dass auch Frauen dabei gewesen seien. Gibt an dass Frauenstimme Kommandos gegeben habe, wie „Go“ oder „Stop“, über den Inhalt ist er sich nicht sicher.
Der Richter stellt viele Suggestivfragen, die einfach mit „ja“ oder „nein“ beantwortet werden können. Es seien 5 Täter gewesen mit Schlagstöcken und Pfeffergel, gegenteilig zu Brinkmann habe er keinen Hammer wahgenommen.
Seit einem Jahr gehe es im sehr schlecht, seine Krankheit sei nach einer OP am 11.02.2025 ausgebrochen. Nach dem Angriff in Budapest sei er drei Wochen krankgeschrieben gewesen. In der Zeit ging es ihm psychisch sehr schlecht und er hatte viel Angst. Da er es (Zitat) als „Schwäche“ empfindet, in Therapie zu gehen, hat er seine Angst nicht behandeln lassen.
Er sagt, er habe niemanden erkannt. Zum Blood & Honour Konzert zu gehen hätten er und Brinkmann in Budapest spontan entschieden. Er ist sich sicher, mit Telis angegriffen worden zu sein, er habe das Geräusch erkannt. Beim Überfall hatte er eine Jacke und Pullover an, von Thor Steinar mit Keltenkreuz. Das gehört wohl zu seinem Standardoutift, wie er berichtet.
Er meint, beim Konzert „Späher“ gesehen zu haben. Bei seiner ersten Befragung gab er an, diese haben Kameras dabeigehabt, vor Gericht nun sagt er, sie haben keine Kamera gehabt.
Im Zuschauerraum wird gelacht, was vom Richter gerügt wird.
Er ist der Meinung, die Täter hätten North Face Jacken getragen. Weiter führt er mit einigen Widersprüchen aus, ob und wann und welchen Kampfsport er so in seinem Leben trainiert hat. Jedenfalls ist er noch nie vorher zu Boden gegangen (!!!), „nur einmal in die Hocke“. Sonst sei er immer „standhaft“ gewesen.
Weder die Verteidigung noch Nebenklage haben fragen an Fischer, er wird aus dem Zeugenstand entlassen.
Die Verhandlung wird zur Pause unterbrochen. Um 14:45 Uhr geht es weiter.
Weiter geht es mit der Befragung von Zeugin Julia Seemann, Bullin aus Leipzig im Revier Ost. Es geht nun um den Angriff auf Böhm.
Sie sei durch Hilferufe geweckt worden und sah durch ihr Fenster vermummte Personen, es sei ein „Knäuel an Menschen“ gewesen. Sie sei daraufhin rausgerannt und habe einen Pulli drübergezogen und ihren Dienstausweis mitgenommen, dies war ungefähr 7-7:15 Uhr. Ihre Nachbarin (Frau Göhring) sagte ihr bereits im Treppenhaus entgegenkommend, dass (angreifenden) Personen seien auf Fahrrädern geflüchtet. Sie kümmerte sich um Böhm, bis die Bullen kamen.
Zum Hergang sagt sie aus, dass bei dem Angriff eine Person am Boden gelegen habe, drumherum waren etwa 4-5 andere Personen, die dunkel vermummt gewesen seien. Sie konnte auf den ersten Blick (aus dem Fenster ihrer Wohnung 1.OG) nicht ausmachen, ob es mehrere Geschädigte waren oder nur einer.
Sie sagte aus, dass sie Böhm vorher nicht kannte und auch in der Zeit, in welcher sie sich um ihn kümmerte keine Feststellungen zu seiner politischen Gesinnung machen konnte aufgrund seiner Aussagen.
Sie habe noch eine Person auf dem Fahrrad wegfahren sehen, ihrer Meinung nach war niemand fußläufig auf der Flucht, da sie es sonst geschafft hätte diesen einzuholen. Es gab noch Nachfragen zu ihrem damaligen Gesprächsprotokoll, ob sie einen oder mehrere rumstehende Handwerker zur Fluchtrichtung der Angreifenden gefragt hat. Sie meint einen, aber wenn sie damals angeben hat zwei, dann sei es wohl so gewesen. Zur Fluchtrichtung hieß es, dass sich die Angreifenden wohl in verschiedene Richtungen aufgeteilt haben.
Es gibt keine weiteren Fragen, von Nebenklage oder Verteidigung.
Es folgen die Beschlüsse und die Unterbrechung bis 30. Juli wird verkündet. Richter wünscht allen einen schönen Urlaub.
