2026.01.27 / 15. Prozesstag / Antifa-Ost-Komplex
Um 09:45 beginnt die Verhandlung und der Zeuge Maximilian Andreas wird aufgerufen. Andreas wurde wegen Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung und Körperverletzung im Verfahren gegen die Eisenacher Neonazi Gruppe „Knockout 51“ verurteilt. Das sagt ihm auch der Vorsitzende Richter zu beginn nochmal und weist ihn darauf hin, dass er deshalb nicht mehr von seinem Recht auf Aussageverweigerung gebrauch machen kann.
Der Vorsitzende beginnt mit der Befragung und schnell wird deutlich dass sich Andreas an fast nichts mehr erinnern will oder kann. In sehr kleinteiligen Fragen zieht der Vorsitzende ihm aller Hand Details aus der Nase. Nicht selten antworte Andreas mit “kann mich nicht erinnern / kann schon sein / ich weiß es nicht mehr…“
Es geht um den Überfall auf die Nazikneipe Bull’s Eye (bekannt als Tatkomplex Eisenas I – 19.10.2019) und einen Übergriff auf ein Auto in Eisenach in dem Andreas als Beifahrer saß. (Tatkomplex Eisenach II – 14.12.2019).
Zum Sachverhalt Bull’s Eye trägt er folgendes bei: Es seien ungefähr 10 Personen hereingekommen und einer hätte begonnen zuzuschlagen. Der Angriff ging in seiner Erinnerung 30 Sek. Andreas meint eine Frauenstimme gehört zu haben. Er kann sich erst an keine Kleidungsstücke erinnern, als der Richter ihm seine polizeiliche Vernehmung vorhält erinnert Andreas sich, dass eine Person eine Jack Wolfskin Jacke getragen haben soll.
Er selbst habe nur leichte Verletzung davon getragen und an weitere Details kann er sich, wie er mehrfach betont, nicht erinnern.
Der Vorsitzende beginnt Fragen zum Überfall auf das Auto in Eisenach zu stellen. Andreas saß auf dem Beifahrersitz, mit im Auto waren Leon Ringl, Ackermann und Schwab, dem auch das Auto gehörte. Ob sie alle vorher im Bull’s Eye waren oder nur Ringl dort abgeholt haben weiß der Zeuge nicht mehr. Sie haben Ringl zuhause abgesetzt und kurz danach, schräg gegenüber vor seiner Haustür wurde auf die Frontscheibe des Autos eingeschlagen. 6-10 Personen sollen daran beteiligt gewesen sein und Andreas wurde direkt mit Pfefferspray besprüht. Viel mehr wisse er dazu nicht mehr.
Ein Verteidiger wirft ein, dass Andreas nichts wirklich zum Sachverhalt beitragen kann.
Andreas sagt selber, dass er sich schlecht erinnert und vermutlich nur auf Vorhalt wieder Dinge dazu weiß.
Der Vorsitzende fragt ihn ob sie damals Vermutungen hatten wer für die Tat Verantwortlich gewesen wäre, er sagt „mutmaßlich linkes Spektrum.“ Es gab aber keine Vorzeichen für die Tat, er denke aber dass sie Leon Ringl zum Ziel hatte.
Ihm wird ein Kartenausschnitt gezeigt den er bei einer polizeilichen Vernehmung beschriftet hat. Dazu erklärt er kurz ein paar Dinge.
Während des Übergriffs soll laut Andreas eine konkrete Drohung gegen Ringl ausgesprochen worden sein. Diese habe er aber, in Absprache mit Ringl, in seiner ersten polizeilichen Vernehmung nicht erzählt.
Ihm wird noch ein Foto von einem Pfefferspray gezeigt, er kann nicht sagen bei welchem Vorfall so ein Pfefferspray genutzt wurde. Bei der Sichtung der Bilder am Ende des Nachmittags stellt sich raus, dass es ein Screenshot von einem Online-Shop ist.
Er erzählt weiter, auf Nachfrage, das sie nach dem Überfall auf das Auto zur „Alten Spinnerei“ (Rewe Einkaufszentrum) gefahren sind, da wurde dann auch der Notruf gewählt und es kam ein Krankenwagen dorthin.
GBA Geilhorn stellt eine Fragen zu geworfenen Gläsern beim Überfall auf das Bull’s Eye. Andreas sagt das Ringl sich gewehrt hat und Gläser geworfen hätte. Dabei stand er hinterm Tresen, er hat aus Erzählungen gehört dass Ringl auch jemanden getroffen hat.
Mehr wisse er nicht mehr. Alles habe sich im Eingangsbereich des Tresenraums abgespielt. Der erste Angreifer der reinkam wäre ca. 180 cm groß.
Geilhorn fragt nach wie die Kneipe danach aussah, Andreas sagt, dass überall Glas und Stühle herumlagen.
Die Verteidigung macht weiter mit der Befragung des Zeugen. Es geht um den Zeitraum zwischen dem Überfall auf die Kneipe und dem Eintreffen der Polizei, circa 1,5 Stunden. Ein Verteidiger fragt nach, was in dieser Zeit passiert ist, was für Gespräche stattgefunden haben, ob noch Personen dazugekommen sein. Andreas sagt mehrmals, dass er dazu nichts mehr weiß. Er hat keine Erinnerung mehr daran. Er weiß weder, was besprochen wurde, mit wem Dinge besprochen wurden, noch ob Personen dazu gekommen sind. Er wird gefragt, ob er sich danach mit Ringl ausgetauscht hat. Der Zeuge sagt, er habe sich ausgetauscht darüber was passiert ist und was das für Folgen hat. Aber was genau Teil dieser Gespräche war, weiß er nicht mehr. Nach dem Überfall auf die Kneipe sollen alle vorsichtiger gewesen sein, d.h. sich abends öfter umgeschaut haben oder auch ein Pfefferspray dabei gehabt haben. Auf Nachfragen sagt der Zeuge, dass auch einige ein Messer dabei hatten. Er wird gefragt, ob auch in der Kneipe Dinge zur Selbstverteidigung vor dem Angriff gelagert worden. Er sagt, es kann sein, dass dort ein Pfefferspray war. Auf Nachfrage sagt er, dass er sich nicht daran erinnern kann, dass es dort einen Baseballschläger gegeben habe. Andreas wird gefragt, ob sich Ringl oder andere über den Überfall gefreut haben und ob es eine Feier dazu gab. Er sagt nein, niemand hat sich darüber gefreut. Sie waren vielleicht froh, dass nichts größeres passiert ist. Konkret wird er gefragt, ob es eine „Überfall Party“ gab, das verneint Andreas. Ihm wird vorgehalten, dass es ein Post im Internet gab auf dem zu so einer Überfall Party eingeladen wurde. Er weiß nicht mehr, wer das hochgeladen hat. Er war danach noch mal im Bull’s Eye aber mit wem weiß er auch nicht mehr auf Nachfrage wann genau er denn dort war sage er jedenfalls „danach“.
Der Zeuge Andreas weiß nicht, ob Ringl jeden Tag im Bull’s Eye war. Ihm gehörte die Kneipe doch auch seine Mutter hat dort ausgeholfen. Er wird gefragt, ob sie sich nach dem zweiten Überfall ausgetauscht hätten. Er sage definitiv, aber was genau weiß er nicht mehr. Am Tag selber war er nicht mehr dazu in der Lage. Er wird zu seiner ersten polizeilichen Vernehmung gefragt. Er hat das Protokoll selber unterschrieben, auf die Frage ob er Fotos angefertigt hat sagt er nein, er hat keine Erinnerung. Er denkt er hat keine Fotos gemacht. Auch auf die Frage, ob er allein bei seiner Vernehmung war, sage er ja nur allein mit der Polizei. Niemand anderes war dabei. Er wird gefragt, wie ist denn sein kann, dass ein Foto entstanden ist auf dem Namen Beschuldigten zu sehen sind. Auf dem Foto ist ganz klar zu erkennen, dass es sich dabei um ein Protokoll aus seiner Vernehmung und auch seiner Unterschrift handelt. Dieses Foto wurde auf dem Handy von Ringl festgestellt. Er kann sich nicht daran erinnern. Auf die Frage, wie Ringl denn an das Protokoll seiner Vernehmung gekommen sei sagt er, er weiß es nicht.
Anschließend wird er von der Verteidigung gefragt, wie man sich genau die örtlichen Gegebenheiten vorstellen kann. Daraufhin fertigt er eine Skizze an, die alle gemeinsam anschauen. Er beschreibt den Raum, wo welche Stühle und Tische waren, in welcher Ecke Spielautomaten standen und wie genau das ganze Größenverhältnis dieser Räume ungefähr ist. Ob es für die Glückspielautomaten eine Lizenz dafür gab – die Frage beliebt unbeantwortet.
Anhand dieser Skizze beschreibt Andreas dann den konkreten Ablauf. Eine Person kommt in den hinteren Bereich (Tresenraum) und beginnt, unvermittelt auf eine am Tresen sitzende Person ein zu schlagen. Die geworfenen Gläser können vom Bereich hinter dem Tresen gekommen sein, denn dort war ein Regal in dem diese gelagert wurden. Der Zeuge beschreibt, wie er ein Barhocker in die Hand nimmt, um den Angreifer von sich fern zu halten. Er denkt, dass er damit jemanden getroffen hat aber er kann sich nicht konkret erinnern. Er habe auf jeden Fall eine vermummte Person gesehen. Es kann sein das er auch 2-3 im Eingangsbereich gesehen hat. Erinnert sich daran, dass jemand geblutet hat aber er kann sich nicht konkret erinnern wer.
Die Befragung der Verteidigung geht auf den Anwalt Hohenstedt des Zeugen ein, dieser wird durch Andreas von seiner Schweigepflicht befreit. Der Anwalt vom Zeugen hat angegeben, wer in der Situation dabei gewesen ist, Andreas bestreitet, dass die genannten Person dabei war. Als er weiter zu Knockout 51 befragt werden soll, belehrt ihn der Richter erneut, dass er keine Aussagen machen muss, die ihn selbst belasten. Als die Verteidigung weiter fragt, wer mit ihm gemeinsam Kampfsport gemacht hat, wird der Zeuge gebeten, den Raum zu verlassen, damit erörtert werden kann, ob er in diesem Fall von seinem Aussageverweigerungsrecht gebrauch machen kann oder nicht. Nach einer kurzen Diskussion gibt der Richter den Fragen der Verteidigung statt. Er wird zu Schwab und Ackermann befragt. Beiden hätten mit ihm gemeinsam Kampfsport gemacht, aber waren keine KO51 Mitglieder.
Die Befragung geht weiter mit dem Überfall auf das Auto. Der Zeuge Andreas wird noch mal zum konkreten Ablauf gefragt und was passiert ist, als sie auf dem Parkplatz angekommen sind. Der Rettungswagen wurde gerufen aber da Andreas durch das Pfefferspray nichts sehen konnte, wisse er nicht, ob zum Beispiel Dinge entsorgt worden sind oder ob etwas aus dem Auto gebracht wurde. Er wird auch gefragt ob Ringl bei der Situation vor seinem Wohnhaus etwas in der Hand hatte. Konkret geht es um ein Baseballschläger. Daran hat der Zeuge keine Erinnerung.
Andreas wird weiter zu der allgemein Situation in der Stadt Eisenach befragt. Ob es sein eigenes Ziel war, die Weststadt (Viertel von Eisenach) zu einem sogenannten „Nazikiez“ zu machen. Das verneinte er. Ob es das Ziel von KO51 war weiß er nicht, ob es Ringls Ziel war weiß er nicht. Er wisse auch nichts darüber, ob es das Ziel war, dass alle KO51-Mitglieder in die Weststadt ziehen sollen. Ihm werden Zitate von Ringl aus einer Kfz Überwachung vorgehalten, indem dieser darauf eingeht, dass alle in die Werkstatt ziehen sollen, dass dort die Leute wissen, wer sie wären und sie ja auch keiner Auseinandersetzung aus dem Weg gingen. Von diesen Zielen oder diesen Gesprächen weiß Andreas nichts. Ihm werden weiter verschiedene Nazisticker vorgehalten, die im Bulls Eye gefunden wurde. Die einzelnen Sticker werden vorgelesen (Nazikiez, Zecken Boxen, EA bleibt deutsch etc.) Auf die Frage ob es diese Sticker im Bullseye gab antwortet er mit „schon möglich“.
Er weiß nicht, wie präsent Rechte damals waren er weiß nicht ob es viele Nazis in Eisenach gab. Ihm wird erneut ein Zitat aus einer Kfz Überwachung von Ringl vorgehalten, in dem dieser genau davon spricht.
Als Nächstes geht es um die Gruppenstruktur von KO51. Andreas war Gründungsmitglied seiner Ansicht nach war Ringl der Rädelsführer. Er selbst sagt auf Nachfrage, er sei nicht die zweite Hand von Ringl gewesen. Wer das war wisse er nicht. Die Entscheidung der Gruppe wurden durch Abstimmung oder von oben nach unten gemacht. Dazu sagt er verschiedene Dinge. Er wiederholt aber oft das er es nicht mehr wisse. Zu seiner damaligen politischen Gesinnung macht Andreas fast keine Angaben. Ihm wird vorgehalten, dass er bei einer rechten Kundgebung ein Hitlergruß gezeigt hat und es davon ein Foto gibt. Daraufhin sagt er nur kurz, dass das dann wohl so wäre. Als es um seine Kindheit und seine Politisierung geht, erzählt er, dass er Kindheits Freund von Ringel war. Dass die beiden, als sie ungefähr 12 oder 13 Jahre alt waren eine NPD Demo in Eisenach gesehen haben und davon „fasziniert“ waren. Er fügt hinzu, dass Ringl noch fasziniert war als er. Als er dann 18 oder 19 war, hat er begonnen, gemeinsam mit Ringl amateurhaft auf Pratzen zu boxen. Erst draußen auf dem Sportplatz oder auf Parkplätzen. Später, dann in Eisenach im Fliedervolkshaus, dem damaligen Haus der NPD. Dort wurden Matten ausgelegt, und sie haben gemeinsam trainiert. Auf Nachfrage, wer das finanziert hat, macht er keine Angaben. Ob er sich selber als Nazi gesehen hat zu dem Zeitraum? „Leider ja“.
Er war regelmäßig im Bull’s Eye, weil Ringel dort der Wirt war und er zum damaligen Zeitpunkt mit ihm befreundet war.
Bei konkreteren Fragen zur politischen Ausrichtung von KO51 oder zu der eigenen ideologischen Position des Zeugen macht er keine Angaben. KO51 Sei eine reine Sportgruppe gewesen. Es waren nicht nur Nazis dort. Es konnten Leute Mitglied werden, die einfach regelmäßig beim Training war. Das wurde dann auch markiert, indem sie bestimmte Kleidung bekam. Das Bull’s Eye war der Treffpunkt der Gruppe, vor allem, weil sie dort im Keller Sport gemacht haben. Andreas wird konkret nach 380 Plakaten gefragt, die im Bull’s Eye gefunden wurden. Die Aufschrift dieser Plakate, lautete „Nazikiez – Wir dulden keine Zecken, Demokraten und Drogendealer!“. Der Zeuge wisse nichts von diesen Plakaten und auch nicht, wofür diese große Menge dort aus lag. Er hat jedenfalls keine bei sich zu Hause gehabt und auch nicht vor sich so eins an die Wand zu hängen, wofür sie sonst sein könnten, wisse er nicht.
Damit endet seine mehrstündige Befragung und er wird unvereidigt entlassen.
Als letzen Teil des Verhandlungstages wird diverses Bildmaterial was mit den vorgeworfenen taten in Eisenach im Zusammenhang steht in Augenschein genommen. Bilder aus dem Bull’s Eye, von verschiedenen Autos, von gefunden Gegenständen und von einigen Geschädigten. Der Tag endet mit der Inaugenscheinnahme von Videomaterial einer Überwachungskamera aus Eisenach auf denen man verschiedene Autos vorbei fahren sieht.
Gegen 16:40 Uhr wird die Verhandlung unterbrochen und ein weiterer Verhandlungstag geht zu Ende.
