|

2026.01.28 / 16. Prozesstag / Antifa-Ost-Komplex

Der heutige Prozesstag begann kurz nach 09:30 Uhr. Für die Nebenklage war erneut die Nazi-Anwöltin Nicole Schneiders anwesend, während sich im Publikum ca. 5-10 solidarische Personen einfanden. Die Verhandlung begann mit einer Erklärung der Verteidigung eines Angeklagten zur Inaugenscheinnahme der Videoaufnahmen vom 14.12.2019 am gestrigen Verhandlungstag. Die Verteidigung widerspricht der Verwertung der Erkenntnisse der Videoaufnahmen. Es sei ersichtlich, dass es sich um eine andere Videotechnik gehandelt habe, als bei Videoaufnahmen des gleichen Firmengrundstücks welche im Vorfeld bereits in Augenschein genommen wurden. Zudem sei diesmal nicht das Firmengelände, die Eingänge oder Zufahrt dazu videoüberwacht worden, sondern der öffentliche Raum. Es sei außerdem unklar, wieso die Videoaufnahmen als Beweismittel in den Akten gelandet seien, hier sei kein klarer Zusammenhang zu erkennen. Es handelt sich um Aufnahmen Dritter, deren Inaugenscheinnahme eine rechtliche Grundlage erfordert. Dazu sei in den Akten nichts zu finden. Aufgrunddessen äußert die Verteidigung die Annahme, dass es sich hierbei um Aufnahmen aus einer längerfristigen Observation handelt, für welche es einen richtlichen Beschluss braucht – welcher sich ebenfalls nicht in den Akten findet. Auf die Nachfrage des Vorsitzenden schlossen sich die weiteren Verteidiger:innen der Angeklagten der Erklärung an.

Weiter ging es mit der Ladung des ersten Zeugen des heutigen Tages. Marcus Fitzner, 51 Jahre, wohnhaft in Eisenach und von Beruf Industrieelektroniker, war am 19.10.2019 im Bulls Eye um Bier zu trinken und zu würfeln. Er erinnert sich in der richterlichen Befragung, dass eine von ihm so bezeichnete „junge Dame“ das Bulls Eye betrat um auf Toilette zu gehen, und danach wieder ging. Später sei das Licht ausgegangen, dann hieß es „Rauchbomben“, als er sich umgedreht hat habe er auch gleich einen Schlag auf die Schläfe bekommen und sei ohnmächtig geworden. Auf Nachfrage des Richters gibt er an, dass sich etwa 5 Leute im Bulls Eye zum Zeitpunkt des Angriffs aufgehalten haben sollen – der im weiteren Verlauf ebenfalls aussagende Stefan Uwe Bornhardt, ein Kalle oder Ralle (hier war er sich selber nicht mehr sicher wie genau er eigentlich heißt), der Betreiber des Bulls Eye Leon Ringl (den wohl bekanntesten mutmaßlich Geschädigten und Mitglied der Eisenacher Neonazigruppe Knockout51), der ebenfalls im weiteren Verlauf aussagende Taxifahrer Klaus-Dieter Almeroth sowie ein Max. Auf Nachfrage des Richters gibt er an, sich an Max nicht weiter zu erinnern, er könne lediglich sagen, dass dieser ein Freund von Leon Ringl sei. Ob es sich hierbei um den am Vortag vernommenen Maximilian Andreas (Teil der Eisenacher Neonazigruppe Knockout51) handelt, wisse er nicht. Er hat an dem Abend etliche Bier und Schnaps getrunken, wollte jedoch nach dem hier verhandelten Angriff eigentlich noch weiter trinken, wurde aber zum Nähen seiner Wunde am Kopf ins Krankenhaus transportiert und dadurch davon abgehalten. Der vorsitzende Richter äußerte den Hinweis, dass er im Rahmen des polizeilichen Atemalkoholtests in Folge des Angriffs bereits einen Atemalkoholgehalt von 2,02 Promille hatte. Marcus Fitzner gab an, früher etwa alle zwei Wochen im Bulls Eye gewesen zu sein um Kumpels zu treffen, zu würfeln und Dart zu spielen. Seit dem Ang
riff sei er jedoch nicht mehr da gewesen. Den Betreiber des Bulls Eye Leon Ringl kenne er, und habe sich auch bereits mehrmals mit diesem unterhalten. Auch den Ruf des Bulls Eye als rechte Kneipe kenne er.
Auf Nachfrage des vorsitzenden Richters gab Marcus Fitzner an, dass zwischen dem Toilettengang der anfangs erwähnten jungen Frau und dem Angriff eine bis eineinhalb Stunden lagen. Als die Frau das Bulls Eye betreten habe, saß er im Vorraum. An ihr Aussehen könne er sich nicht mehr erinnern, einzig das sie lange Haare gehabt haben soll. Auch zu ihrer Sprache sei ihm nichts auffälliges in Erinnerung geblieben, er sei sich jedoch sicher dass sie keinen Akzent hatte. Vom vorsitzenden Richter wurde er darauf hingewiesen, dass er in seiner polizeilichen Vernehmung angegeben habe, dass die Frau mit Hose und Jacke bekleidet gewesen sein soll, hieran kann er sich jetzt jedoch nicht mehr erinnern. 
Zum Zeitpunkt des Angriffs habe Fitzner auf einem Hocker am Tresen gesessen zu haben. Die Angreifenden kamen in das Bulls Eye und es gab einen riesen Tumult. Jemand schrie „Rauchbombe!“, und als er sich umgedreht hat stand bereits eine Person hinter ihm und habe ihn geschlagen. Womit er geschlagen wurde, habe er nicht gesehen, er erinnert sich jedoch an das Geräusch eines ausfahrenden Teleskopschlagstocks. Er sei zu Boden gegangen und ohnmächtig geworden, weitere Schläge habe er nicht abbekommen. Außer der vor ihm stehenden Person, zu der er nichts weiteres sagen könne außer das sie vermummt gewesen sei, habe er keine weiteren Personen gesehen. Der vorsitzende Richter gab an, dass er in seiner polizeilichen Vernehmung geäußert habe, dass Gläser durch die Gegend geflogen sein sollen, hieran kann sich Fitzner jedoch nicht mehr erinnern. Seine Kopfverletzung sei im Krankenhaus mit 3 oder 4 Stichen genäht worden, und er habe dort seitdem eine Narbe, welche er beim Haare schneiden merke, weitere Verletzungen habe er nicht davon getragen. Im Anschluss an den Angriff habe er sich mit Kalle (oder Ralle) und Stefan Uwe Bornhardt darüber unterhalten, er hatte jedoch damals noch keine Vermutung, wer hinter dem Angriff stecken könne – vermutlich seien es jedoch Linke gewesen. Der Vorsitzende wollte wissen, weswegen Fitzner überhaupt das Bulls Eye besuchte, hierzu gab Fitzner an, dass dieses in der Nähe liege und offen gewesen sei und sich seine Freunde dort aufgehalten hatten. Er sei nicht rechtsradikal und weder mit Leon Ringl noch dem am 19.10.2019 ebenfalls anwesenden Max befreundet.
Auf Nachfrage der GSta’in Geilhorn präzisierte Fitzner nochmal, dass er zum Zeitpunkt des Angriffs auf dem zweiten Hocker neben der Toilette saß.

Auf Antrag der Verteidigung gab es eine Pause von 15 Minuten, in der sich die Verteidiger:innen besprechen wollten. Hiernach wurde die Befragung Fitzners fortgeführt.
Ein Verteidiger wollte von Fitzner wissen, ob dieser ein graues T-Shirt mit der weißen Aufschrift „Freibier“ besitze, was Fitzner verneinte. Auch sei er auf keiner Zusammenkunft im Bulls Eye nach dem 19.10. gewesen, von welcher ein Foto auf sozialen Medien veröffentlicht wurde. Der Verteidiger vermutete, dass es sich bei einem auf dem Foto Abgebildeten mit jenem Freibier-T-Shirt um Fitzner handelt, was dieser jedoch verneinte.
Auf die Nachfragen einer weiteren Anwältin gab er an, dass die Frau alleine in das Bulls Eye kam. Da Leon Ringl das Bulls Eye an dem Abend schließen wollte, wollten die Anwesenden in eine andere Lokalität fahren, hier wollte Leon Ringl ebenfalls mitkommen. Fitzner gab an, Leon Ringl nicht gut zu kennen, er kennt ihn nur weil er öfter im Bulls Eye war, sonst hatte er nicht mit ihm zu tun.

Um 10:26 Uhr wurde der Zeuge unvereidigt entlassen.

Anschließend konnte es sich GSta’in Geilhorn nicht nehmen, die Verteidigung darauf hinzuweisen, dass es ein Sicherungsprotokoll für das anfangs benannte Video gebe, in welchem die freiwillige Herausgabe des Videos vermerkt sei. 

Um 10:30 Uhr wurde die Verhandlung bis 13 Uhr unterbrochen, da der zweite Zeuge des Tages erst zu 13 Uhr geladen wurde.

Um 13 Uhr ging es mit dem zweiten Zeugen des Tages, Karl-Heinz Leipold weiter. Der 52-jährige Staplerfahrer aus Eisenach war ebenso wie Marcus Fitzner am 19.10.2019 in der Kneipe Bulls Eye, als diese angegriffen wurde. Karl-Heinz Leipold beschreibt, beim Angriff auf die Kneipe Reizgas in die Augen bekommen zu haben und mit einem Schlagstock angegriffen worden zu sein. Es seien „halb Wilde“ in die Kneipe gestürmt, alle „total vermummt“. Wie Marcus Fitzner vor ihm beschreibt Leipold, dass sie zum Zeitpunkt des Angriffs noch zu sechst im Bulls Eye waren. Er hatte zu dem Zeitpunkt bereits ein paar Bier und Pfeffi getrunken, und sei nach dem Angriff zur Tankstelle und habe aus Frust weiter Bier getrunken. Auch er hat eine Frau in die Kneipe kommen sehen, die auf Toilette gehen wollte. Seiner Erinnerung nach sei der Angriff 2-3 Stunden danach passiert. Als die Angreifenden in die Kneipe kamen habe jemand „Die Antifa ist da!“ geschriehen, er könne jedoch nicht mehr sagen ob das von den Angreifenden kam oder von Max, der zu dem Zeitpunkt neben ihm saß. Einer der Angreifende stand vor ihm, und habe ihm Reizgas in die Augen gesprüht und ihn daraufhin mit einem Schlagstock auf die Nase geschlagen. Aufgrund des Reizgas‘ habe er nichts mehr gesehen, jedoch gibt er an gehört zu haben, dass irgendjemand Gläser geworfen habe. Nach dem Angriff war er eine Stunde im Krankenhaus, wo seine Nase versorgt wurde. An dem Angriff seien 15 Leute beteiligt gewesen. Wer das gewesen sein soll wusste er damals nicht, er erinnert sich einzig daran dass er in seinem privaten Umfeld gehört habe dass die Hammerbande um Lina E. für den Angriff verantwortlich gewesen sein soll, von wem er das gehört hat wisse er jedoch nicht mehr.
Zu Leon Ringl habe Leipold kein freundschaftliches Verhältnis, auch sei das Bulls Eye keine rechte Kneipe sondern ein Ort an dem auch alte Leute Bier getrunken haben. Er selber sei nur da gewesen, um Dart zu spielen. Im Nachgang des Angriffs habe er keinen weiteren Kontakt zu Leon Ringl oder den anderen Gästen gehabt. Auf die Frage, warum er von der Polizei erst einen Monat nach der Tat vernommen wurde gabe er an, dass er auch am Folgetag noch zu viel Promille hatte – der vorsitzende Richter gab den Hinweis, dass er dem polizieilichen Atemalkoholtest nach einen Alkoholspiegel von 1,84 Promille hatte. Seine Verletzung an der Nase habe erst geschmerzt, als der Alkohol nachgelassen habe, und sei in den Tagen nach dem Angriff etwas blau gewesen. Weitere Verletzungen habe er jedoch nicht gehabt, auch wenn er in seiner polizeilichen Vernehmung angegeben habe, Schläge auf die Rippen bekommen zu haben. Hieran erinnere er sich jetzt aber nicht mehr.
Auf Nachfrage durch die GSta’in Geilhorn gab er an, dass sein Spitzname Kalle sei.
Der Verteidigung gegenüber präzisierte Leipold, dass er nach der Versorgung im Krankenhaus zur Tankstelle gegangen sei um weiter Bier zu trinken, dies sei so gegen 8 oder 9 Uhr morgens gewesen. Dass die Hammerbande für den Angriff verantwortlich sei habe er etwa einen Monat danach erfahren, hier habe er auch zum ersten Mal von der Hammerbande gehört. Was genau erzählt wurde und von wem er das gehört habe, könne er nicht mehr sagen, auch nicht ob er die Information nicht vielleicht durch eine Pressemeldung bekommen habe.
Den zuvor vernommenen Zeugen Fitzner habe er gestern (am 27.01.2026) in Eisenach am Bahnhof getroffen, dieser sei gerade nach Dresden gefahren. Sie haben sich kurz gegenseitig erzählt, am heutigen Tag vorgeladen zu sein, es sei allerdings nur ein sehr kurzes Gespräch gewesen, da Fitzner seinen Zug bekommen musste. Über den Angriff selber hätten sie nicht gesprochen.
Ein Verteidiger hält Leipold vor, dass nach Polizeiangaben der Angriff auf das Bulls Eye um 00:20 Uhr passiert sei, der Atemalkoholtest auf 01:30 datiert ist. Was er dazwischen gemacht habe konnte Leipold nicht mehr sagen. Nach Polizeiangaben hab alle vor dem Bulls Eye auf der Straße gestanden und durcheinander geredet. Leipold gibt an, dass sie sich über den Angriff unterhalten haben. Die Vermutung sei gewesen, dass das Linke gewesen sein müssen. Er habe jedoch mit Linken bis dahin nie Probleme gehabt. Wer die Vermutung ausgesprochen habe wisse er nicht mehr. 
Um 13:35 wird der Zeuge schließlich unvereidigt entlassen, und nach einer kurzen Zeitfrage für das angesetzte Selbstleseverfahren wird die Verhandlung für den Tag beendet.

Ähnliche Beiträge