2026.01.06 / 9. Prozesstag / Bericht
Thema des heutigen 9. Verhandlungstages war der Angriff auf 4 Neonazis am Bahnhof Dessau-Roßlau am 19.01.2019. Neben ca. 20 solidarischen Begleiter*innen waren heute noch die Nebenklage-Vertreter*innen Nicole Schneiders, Mario Thomas und Steffen Hammer anwesend.
Nach einer halbstündigen Verspätung startete der Verhandlungstag mit einer kurzen Mitteilung des Senates, dass der für den Verhandlungstag am 13.01. geladene Zeuge Steffen Kase kürzlich verstorben sei. Man würde deshalb jetzt die Sterbeurkunde anfordern und werde, sollte sich der Todesfall bestätigen, dessen Vernehmungsprotokoll besprechen.
Im Anschluss wurde der 2019 geschädigte Rene Diedering als Zeuge vernommen. Diedering tritt in dem Prozess als Nebenkläger auf und wird durch den Leipziger Anwalt Mario Thomas vertreten, der während der kompletten Vernehmung neben Diedering saß und schon an verschiedenen anderen Prozesstagen im Gerichtssaal anwesend war. Thomas ist seit einigen Jahren als Verteidiger von einschlägigen Neonazis und rechten Hooligans in Leipzig bekannt. (https://gamma.noblogs.org/files/2010/12/gamma189_web.pdf)
Zu Beginn sollte Diedering seiner Erinnerung nach die Geschehnisse vom 19.01.2019 darstellen. Er berichtete also, dass er sich an besagtem Tag mit drei weiteren „Kollegen“ auf der Rückreise von Magdeburg nach Dessau-Roßlau befand. In Magdeburg hätten sie an einer „Gedenkveranstaltung für die Opfer der Bombennacht gegen Ende des Zweiten Weltkrieges“, wie Diedering den jährlich stattfinden Neonazi-Aufmarsch in Magdeburg bezeichnete, teilgenommen. Er wäre also gemeinsam mit Steffen Kase, Jens Achtert und Alexander Weinert die Unterführung am Bahnhof entlang gelaufen, um zu Diederings Auto zu kommen. Ihnen seien dann am Ende der Unterführung auf den Treppen drei Personen mit Gegenständen in den Händen aufgefallen, darunter ein Hammer und möglicherweise eine Eisenstange. Diedering habe deshalb zu seinen Begleitern gesagt, dass hier etwas nicht stimme und man umdrehen sollte. Von der anderen Seite sei ihnen aber nun eine „schwarze Wand“ aus Vermummten entgegen gekommen und habe sie nach einem kurzen „Startsignal“ angegriffen. Es wäre zwar alles sehr schnell gegangen, aber Diedering könne sich erinnern, dass er mit seiner Fahnenstange ein oder zwei Schläge mit einem harten Gegenstand abwehren habe können, aber spätestens nach dem dritten oder vierten Schlag sei er dann gegen den Kopf und ins Gesicht geschlagen worden. Er habe es dann geschafft die Treppe nach oben zu flüchten. Auf seiner Flucht habe er mit seiner Fahnenstange noch ein paar mal nach hinten gestoßen, um sich Raum zu verschaffen, dennoch sei er dabei wiederholt gegen Kopf und Rücken geschlagen und getreten worden und mit Pfefferspray oder Tränengas besprüht worden. Deshalb habe er wenig sehen können und sei in eine Baugrube gefallen, aus der er die Polizei verständigt habe. Als diese eingetroffen war, ging er dann zurück in die Unterführung, um nach Weinert, Kase und Achtert zu sehen, die an dieser Stelle zum ersten Mal als „Kameraden“ bezeichnet wurden.
Vor allem die Verletzungen des Alexander Weinert seien besonders schlimm gewesen, das habe er gut erkennen können – er sei zwar kein Mediziner, was Diedering wiederholt betonte. Weinert sei nur bedingt ansprechbar gewesen. Schließlich sei man dann gemeinsam mit einem Rettungswagen ins Krankenhaus gebracht worden. Auf Zwischenfragen durch den Senat oder die Staatsanwaltschaft antwortete Diedering stets höflich und bemüht, stellte aber häufiger fest, dass nach sieben Jahren die Erinnerung doch sehr schwach sei. Die Stimmung im Zug auf der Rückreise sei „ganz normal“ gewesen, es sei kein Alkohol getrunken worden, es sei nicht gesungen und es wären keine Parolen gerufen worden, das würde auf solch einer Gedenkveranstaltung ohnehin aus ihrem Spektrum nicht gemacht werden.
Konfrontiert mit dem Protokoll einer Vernehmung von 2019, wonach ein Stoffbeutel mit Bierflaschen zugegen gewesen sei, war die Erinnerung dann weniger klar. Jedenfalls habe er auf keinen Fall einen Beutel mit Bier in der Hand gehabt. Diedering habe sich die Akten aber auch bewusst nicht noch einmal angesehen, um sich auf den Prozess vorzubereiten. Er habe zwar vor einigen Jahren von seinem Anwalt Akten erhalten, wann das denn ungefähr gewesen sei oder von welcher Staatsanwaltschaft die Akten geführt wurden, konnte Diedering nicht sagen.
Zu den Folgen des Angriffs gab Diedering an, dass er heute vielleicht noch etwas aufmerksamer gegenüber seiner Umwelt sei, vielleicht noch ab und an davon träumen würde, das Ganze aber insgesamt recht gut verarbeitet habe. Er habe auch nach dem Angriff direkt wieder gearbeitet und habe sich nicht krank schreiben lassen.
Bei den Fragen der Verteidigung gab Diedering auffallend häufiger als gegenüber dem Senat und der GBA an, sich nicht erinnern zu können. Er monierte auch stellenweise, dass die*der fragende Anwält*in die Antwort auf die gestellte Frage doch schon kennen würde, als ein*e Verteidiger*in bspw. fragte, ob die Tat „politisch aufgearbeitet“ wurde, worauf Diedering antwortete, dass direkt am Tag nach der Tat und ein Jahr später Kundgebungen „gegen diese Linke Gewalt“ gegeben habe, auf denen auch er selbst eine Rede gehalten habe. Auf Nachfrage gab er an, dass auch Dieter Riefling anwesend gewesen sei, ob dieser ebenfalls eine Rede gehalten habe, wisse er aber nicht mehr. Ebenfalls nicht, ob es abseits der beiden Kundgebungen weitere Aktionen oder dergleichen zu dem Angriff gab. Gefragt nach einem Fackelmarsch einige Tage nach dem 19.01. wollte sich Diedering ebenfalls an nichts dergleichen erinnern können. Einen Zeugenaufrauf habe es zwar gegeben, aber er hätte diesen nicht initiiert, wie er auf Nachfrage angab. Einige weitere Nachfragen, bspw. ob er einen Herrn Marx kenne beantwortete er mit Betonung von Erinnerungslücken oder flapsig, dass er zwar Karl Marx kenne, aber keinen Herrn Marx persönlich. Gefragt nach einer möglichen Bekanntschaft zu Herrn Göbel von der örtlichen Polizei in Dessau, würde es zwar leise klingeln, aber ihm sei kein Gesicht dazu im Gedächtnis oder wie und wann her zu Herrn Göbel in Kontakt stand.
Schließlich wurde Diedering nach ca. eineinhalb Stunden Verhandlungsdauer inklusive einer 20 minütigen Pause entlassen. Bei dieser Gelegenheit gab der Nebenklage-Vertreter Mario Thomas zu Protokoll, dass die Nebenklage nun vollumfassende Akteneinsicht beantrage. Bisher hätten sie Zugang zu den Sachakten der Taten erhalten, bei welchen ihre Mandant*innen geschädigt worden seien, aber nicht die vollständige Verfahrensakte. Nachdem aber hier zahlreiche Taten verhandelt würden, die in ihrem „Modus Operandi“ einander so ähnlich seien, wäre ein Zugang zur gesamten Verfahrensakte unabdingbar. Die übrigen anwesenden Nebenklage-Vertreter*innen schlossen sich dem Antrag an.
Der Vorsitzende Richter schlug dann noch vor den eigentlich für morgen geladenen Zeugen Kriminalhauptmeister Schülert anzurufen, ob er spontan heute Nachmittag erscheinen könne, was aber von der Verteidigung abgelehnt wurde, da man sich auf die Vernehmung des Zeugen noch weiter vorbereiten wolle. So wurde der Verhandlungstag ungewohnt früh gegen 11:30 Uhr nach gut 90 Minuten beendet.
Der nächste Prozesstag ist morgen, 07.01., und beginnt um 09:30 Uhr. Ursprünglich war geplant, Cedric Scholz als Zeugen zu vernehmen, das wurde im Laufe des Nachmittags kurzfristig abgesagt. Nun ist für morgen nur die Vernehmung von Kriminalhauptmeister Schülert geplant.
